Wem oder was laufen wir eigentlich hinterher?

Die letzen Monate waren teilweise sehr hart für mich. Das soll jetzt keine Mitleids-Story sein, aber ist der Ausgangspunkt des Themas, über welches ich in diesem Beitrag schreiben möchte.
Ich habe mich nach dem Abi dazu entschieden, berufsbegleitend zu studieren und arbeite unter der Woche, habe Freitagabend und am Samstag meine Vorlesungen. Viel Freizeit bleibt da tatsächlich nicht und ich bin irgendwann in diesen Alltagstrott geraten, dass ich alles erledigt habe, was zu tun gewesen ist und mir dann nur wenige Stunden in der Woche geblieben sind, um mich davon zu erholen. Erholend ist diese Zeit nur leider nicht wirklich gewesen, denn immer wenn ich dann mal frei hatte, hatte ich den Wunsch, einfach mal gar nichts wirklich zu machen, weil ja sonst auch alles so viel ist. Meistens ist es darauf hinausgelaufen, dass ich zu viel Zeit am Handy verbracht habe, Stunden an mir vorbeizogen und ich darüber nachgedacht habe, wann ich denn das nächste mal wieder frei habe, um mich „erholen“ zu können. Ich hatte mir eigentlich auch immer vorgenommen, dass ich dann Sport mache, wenn ich Zeit habe und mich total gesund ernähre, aber das ist absolut nie der Fall gewesen. Ich hatte einfach keine Lust darauf, mich an meine Vorhaben zu halten, weil es einfach anstrengend klang und ich es vor mir hergeschoben habe, bis ich letztlich nichts von den Dingen getan habe, die ich mir zuvor vorgenommen hatte. Das hat mich dann nur noch mehr deprimiert. Und dann war die freie Zeit auch schon wieder rum und ich habe meine Zeit mit irgendwelchen belanglosen Dingen verschwendet, nichts geschafft, mich nicht erholt und der nächste Arbeitstag stand dann ja auch wieder vor der Tür. Ein paar Monate habe ich geschafft, mein Leben so zu führen. Bin zu spät ins Bett gegangen, habe mir Dinge vorgenommen, die meine Situation angeblich ändern könnten, habe zu ungesund gegessen und immer darüber nachgedacht, welche materiellen Dinge oder Umstände meine Situation doch jetzt besser machen könnten. „Hätte ich mehr Geld zur Verfügung könnte ich weniger arbeiten und ganz viele Dinge unternehmen, die ich jetzt nicht unbedingt machen kann. Hätte ich mehr Zeit, dann würde ich bestimmt viel eher zum Sport kommen.Und wie schön wäre es denn, wenn ich schon durch mit meinem Studium wäre und ich tatsächlich genau das beruflich machen würde, worauf ich jetzt am meisten Lust habe.“
Diese Gedanken haben letztlich nur dazu geführt, dass ich noch unzufriedener wurde.
Das hat sich ganz lange hingezogen, bis ich mir dann das erste mal nach wirklich langer Zeit Urlaub genommen habe. 2,5 Wochen um genau zu sei. Ich dachte zuvor, dass sich mein gesamter Gefühlszustand ändern wird, wenn ich endlich Zeit habe und ich war erschrocken, als ich gemerkt habe, was wirklich passierte.
Zunächst einmal war es natürlich wunderschön, weil ich ausschlafen konnte, alles was ich noch so zu erledigen hatte, in Ruhe machen konnte und auch viel unternommen habe. Aber dann, nach ein paar Tagen, an denen ich richtig gut gelaunt gewesen bin, kamen 2-3 Tage, an denen ich nichts wirklich geplant hatte. Also einfach Zeit hatte ohne Ende. Und diese Tage fühlten sich dann genauso an, wie die freie Zeit, die zuvor in meinem Alltag so unbefriedigend gewesen ist. Ich habe also wieder keine Lust gehabt, Dinge wirklich anzugehen, alles vor mir hergeschoben und hab wieder viiiiel zu viel Zeit am Handy verbracht. Nachdem ich diese 2-3 Tage in dieser Form verschwendet habe, dachte ich mir „Was ist eigentlich los mit dir? Jetzt hast du alles was du gewollt hast und es geht dir trotzdem nicht so, wie du es gerne hättest. Warum bist du verdammt nochmal nicht zufrieden und gehst endlich die (nebenbei bemerkt schönen)Dinge an, die du dir vorgenommen hast? Du hast den ganzen Tag, aber bekommst trotzdem nichts auf die Kette? Was verdammt nochmal läuft hier schief?“
Es war das Gefühl, immer weiter auf der Stelle zu treten und jetzt kam auch noch hinzu, dass ich ja selbst Schuld bin, denn die Umstände waren gerade eigentlich perfekt.

Aus dieser Situation heraus, habe ich versucht, mir irgendwie Hilfe und Ratschläge zu suchen und habe dann angefangen, ein paar Podcasts zu hören. Erst war ich besonders von Tobias Beck fasziniert und bin über ihn dann auf Laura Malina Seiler gestoßen. Laura behandelt in ihren Podcasts ganz genau die Themen, über die ich mir in den letzten Monaten den Kopf zerbrochen habe. Sie hat mich an Dinge erinnert, die ich eigentlich schon wusste, die mir aber nie so richtig bewusst gewesen sind – und ich bin ihr so dankbar dafür. Ich habe meine ganze Situation plötzlich in einem anderen Licht gesehen und Erkenntnisse wieder gewonnen, die vergraben gewesen sind unter eingebildet unerfüllten Wünschen, Unzufriedenheit und vermeintlich ungünstigen Umständen.

Ich möchte diese Sichtweise unbedingt teilen, weil sie mir aus einer schwierigen Zeit geholfen hat und ich wette, dass jeder irgendwie mal mit Ähnlichem kämpfen musste oder aktuell damit zu kämpfen hat.

Mal ein kleines Gedankenspiel an dieser Stelle: Was sind die Dinge, bei denen du denkst, dass sie dich glücklich machen und dir Zufriedenheit schenken würden? Ist es vielleicht der Körper, den du gern hättest? Ist es Geld, mit dem du dir all die Markenkleidung kaufen kannst, auf die du gerade Bock hast und dadurch dann von anderen bewundert wirst? Ist es eine berufliche Position, die dir Ansehen bringen würde? Ist es ein Sportwagen, den du gerne fahren würdest, um den dich andere Leute beneiden und bei dem du denkst, dass er dein Selbstwertgefühl enorm steigern würde? Was ist es bei dir?Welchem unerfüllten Traum läufst du hinterher?
Wenn ich dich fragen würde, wie sich das anfühlen würde, wenn du die Dinge besitzen würdest, die du dir wünscht, wärst du dann zufrieden?
Ich kann mir die Antwort vorstellen: „Ja selbstverständlich, wäre doch mega geil!“

Und jetzt muss ich dich, mich und uns alle wieder zurückholen auf den Teppich der Tatsachen: nein, du wärst dann nicht glücklich und zufrieden. Du denkst, dass du es wärst, weil du bisher dein Glück von äußeren Umständen abhängig gemacht hast und solange du das tust, wirst du immer weiter und weiter nach den nächsten Dingen suchen, die dein Leben angeblich besser machen würden und wenn du auf dieser Schiene bleibst, wirst du niemals ans Ziel kommen, denn du wirst niemals alles haben können.

Was ist glücklich sein denn überhaupt?

Es ist ein Gefühl. Und ein Gefühl entsteht bei uns im Inneren. Wir rennen diesem Wunsch hinterher, glücklich zu sein und denken, dass uns ein Auto glücklich machen kann. Wie soll es das denn tun? Das, was dir ein gutes Gefühl gibt, ein tolles Auto zu besitzen, sind Hormone, die in deinem Körper ausgeschüttet werden und die dir vermitteln „Du bist ein Held, du fährst ja eine richtig dicke Karre und jetzt bekommst du Anerkennung!“ und das steigert einen Moment lang dein Selbstwertgefühl. Und dann? Dann gehst du in deine Wohnung/ dein Haus hinein, setzt dich auf’s Sofa. Und dann sitzt du da. Du bist mit dir ganz allein in diesem Raum. Der Moment ist verflogen, in dem du das tolle Gefühl wegen deines Autos empfunden hattest. Und jetzt? Jetzt bist du wieder die gleiche Person und du merkst, dass sich, bis auf dieser flüchtige Selbstwert-Push, absolut nichts geändert hat. Du bist immer noch die gleiche Person. Die Person, die morgens aufsteht, sich die Zähne putzt, den Tag über bestimmten Tätigkeiten nachgeht und abends wieder schlafen geht. Ganz egal, was für ein Auto vor deiner Tür steht.
Und was kommt dann? Du bist nicht glücklich. Und du fängst an, nach den nächsten Dingen zu suchen, die dich jetzt endlich glücklich machen könnten. Der nächste Urlaub? Eine tollere Wohnung? Markenkleidung?

Merkst du, was ich sagen möchte? Solange du Materiellem hinterher läufst, wirst du immer weiter laufen und laufen und nie ans Ziel kommen.

Hier mal ein kleines Beispiel aus meinem Leben: Ich hatte, nachdem ich die meisten Milchzähne verloren hatte, nie besonders gerade Zähne. Gerade die beiden Zähne rechts und links meiner Schneidezähne hatten eine Schiefstellung und ich konnte nie unbeschwert lachen, weil ich Angst hatte, dass jemand darauf achten würde. Ich habe nur nicht, wie andere in meinem Alter, mit 10-14 eine feste Zahnspange bekommen, weil ich noch zwei Milchzähne im Mund hatte, die mit 15 immer noch nicht rausgefallen sind, weil sie so fest saßen. Mir war das total unangenehm und ich hab nie meine Zähne zeigen wollen, wenn ich gelacht habe. Meine Gedanken haben sich immer darum gedreht, möglichst den Mund zuzuhalten und ich hab mir nichts sehnlicher gewünscht, als eine perfekte Reihe mit geraden Zähnen zu haben. „Wie schön muss es bitte sein, einfach unbeschwert lachen zu können und sich dabei wohl zu fühlen? Was für ein unglaubliches Gefühl muss das sein?“
Ich habe immer darauf geachtet, wie schön die Zähne anderer Leute positioniert sind und habe mich gefragt, wie glücklich sie doch darüber sein müssen.
Dann kam es irgendwann dazu, dass mir die letzten beiden Milchzähne gezogen wurden und es soweit war, dass auch ich meine Schiefstellung durch eine Zahnspange korrigieren lassen konnte. Ich hatte das Glück, mit 17 eine innen liegende Zahnspange bekommen zu dürfen, die zwar sau teuer, aber kaum sichtbar gewesen ist. Diese habe ich ca 1,5 Jahre getragen und in der Zeit hat sie meine Zähne wunderbar in einer perfekten Reihe angeordnet und alle Schiefstellungen beseitigt, was natürlich ein schleichender Prozess gewesen ist.
Jetzt sind meine Zähne gerade und ich mache mir zwar keine Gedanken darüber, aber macht mich das jetzt wirklich so glücklich, wie ich es gedacht habe? Natürlich nicht.
Ich nehm das mittlerweile als gegeben hin.
Ich hatte zuvor gedacht, dass ich überglücklich sein werde darüber, aber dieses Gefühl  gab es nie so wirklich. Erst jetzt, wenn ich in mich gehe und darüber nachdenke „hey es ist verdammt geil, wie es jetzt ist und ich freu mir einen Keks darüber, dass ich lachen und strahlen kann und ich mir keine Gedanken mehr darüber machen muss, ob das gut aussieht oder nicht“, habe ich das Gefühl, dass mich dieser Gedanke erfüllt. Aber das ist kein Gedanke, der einfach so kommt. Wir nehmen Dinge viel zu schnell als gegeben hin, ohne uns darüber zu freuen, dass es so ist wie es ist. Und erst wenn etwas fehlt, merken wir, wie dankbar wir dafür doch hätten sein können.
Und jetzt kann ich mich wirklich darüber freuen und diese Dankbarkeit fühlt sich verdammt gut an. Wenn ich jetzt in meine Wohnung gehe und mich auf mein Sofa setze, ist nicht alles wie immer. Etwas in mir drin hat sich aufgrund des Gefühls der Dankbarkeit geändert. Ich sitze dann da und es geht mir gut, weil ich von innen heraus ein schönes Gefühl erzeugt hab. Ist doch jetzt scheiß egal, was vor meiner Tür steht oder?

Die Geschichte mit meinen Zähnen soll hierfür nur ein anschauliches Beispiel sein. Die Message dahinter ist, dass wir ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit nur selbst erzeugen können, indem wir die Dinge zu schätzen wissen, die wir bereits in unserem Leben haben. Glück kommt von innen heraus. Wenn du weiterhin auf der Suche bist nach dem nächsten Besitztum und nicht lernst, für die Dinge dankbar zu sein, die du schon hast, wirst du nie ans Ziel kommen und immer enttäuscht werden.

Und denk mal darüber nach, was du alles hast. Du hast eine unglaubliche Fülle an Dingen, für die du dich unendlich glücklich schätzen kannst, da bin ich mir sicher.
Allein die Tatsache, dass wir uns abends unbekümmert in unser Bett legen dürfen und seelenruhig schlafen können, ohne befürchten zu müssen, dass du morgen früh aufstehst und Krieg auf den Straßen herrscht und deine Familie getötet werden könnte. Das klingt so absurd für uns. Aber in anderen Orten der Welt ist das Realität. Was würden andere Menschen dafür geben, auch nur einen Tag lang so leben zu dürfen, wie wir es tun.

Sei dankbar für deinen Körper. Er trägt dich durch den Tag und ist nicht nur dazu gemacht, um schön auszusehen und irgendeinem Schönheitstrend im 21. Jahrhundert zu entsprechen. Dein Herz schlägt jeden Tag für dich, um dich am Leben zu halten und dir das Leben zu schenken und du machst dir Gedanken darüber, ob du doch lieber 5kg weniger/mehr wiegen möchtest?
Es ist absolut normal und menschlich so zu denken! Absolut kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Aber ein Grund, mal die Perspektive zu ändern.

Dankbar zu sein hat nichts mir Esoterik zu tun. Und du musst auch nicht durch die Welt laufen und alles super finden, was passiert. Natürlich gibt es schlechte Tage und man hat auch nicht immer Lust, sich mit sowas auseinanderzusetzen, geht mir ja genauso.
Trotzdem schadet es nicht, sich immer mal wieder einen Moment zu nehmen und sich bewusst zu werden, wofür man eigentlich mal dankbar sein und sich aus ganzem Herzen freuen kann.
Ich habe begonnen, mir jeden Morgen 3 Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Das mache ich zwar erst seit 3 Wochen, aber es hat sich jetzt schon so viel geändert. Man startet mit einer ganz anderen Perspektive in den Tag.

Um wieder den Bogen zu spannen: Bei mir ist es nicht die Zeit gewesen, die mir gefehlt hat. Es war viel mehr meine Einstellung, die mich unzufrieden gemacht hat. Und es geht mir wirklich wirklich schon viel besser, seit ich das erkannt habe.

Ich wünsche dir so sehr, dass dir das Lesen des Beitrags etwas gebracht hat und du heute einen kleinen Dankbarkeits-Filter auf deinen Tag legst und dich an den schönen Dingen erfreust, die du in deinem Leben hast! ♥

Und mit diesen Worten beende ich den Blogpost auch mal, der ist jetzt immerhin schon länger geworden als mein Deutsch-Abi haha

Mit ganz viel Liebe

Sandrine ♥

2 Antworten auf “Wem oder was laufen wir eigentlich hinterher?”

  1. WOW WOW WOW danke für diese wundervollen Worte! Man sollte sich nicht nur darauf konzentrieren in Zukunft glücklich zu sein, sondern auch daran arbeiten im Hier und Jetzt schon dankbar zu sein für all die schönen Dinge, die das Leben zu bieten hat. Einfach mal den Moment genießen, statt immer einem Moment hinterherzulaufen, der in der Zukunft liegt.

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